Berichte von 10/2019

22Oktober
2019

Wie man sich einen schweren Abschied leicht machen kann!

Die Bayun Mountains entpuppten sich als ein riesiges, weitgehend naturbelassenes Areal inmitten von Guangzhou. Trotz der vielen grünen Natur, lassen sich es die Chinesen nicht nehmen einem solchen Gebiet einen Hauch von Freizeitparkcharackter einzuhauchen. Bei Ankunft an den Bayun Mountains entschieden wir uns gegen die Komfortlösung in Form einer Seilbahn, sondern für den sportlichen, fussläufigen Ansatz, um in die Berge zu kommen. Alle Wege sind gepflastert und über viele Treppen  konnten wir immer weiter Höhe gewinnen. Trotz bester Infrastruktur (alle paar Hundert Meter gab es Kioske oder Restaurants) war der Aufstieg ganz schön anstrengend, belohnt wurden wir allerdings mit tollen Aussichten auf die Stadt. Nachmittags kehrten wir ein und genossen unser Essen einige hundert Meter über den Dächern der Stadt, bei bestem Wetter und herrlicher Aussicht. Derart kulinarisch gestärkt ging unsere Tour durch den Park weiter. Uns war direkt von vornherein bewusst, dass man nur einen Bruchteil des Parks und der Highlights darin an diesem Nachmittag zu sehen bekommen würde. Ein ganz besonderer Höhepunkt stand aber  noch auf unserer Agenda: die Bayun Mountains Zip-Line. Nach Connis Erzählungen hatte ich eine harmlose Seilbahn zum Einklinken vorm inneren Auge. Meine Imagination belief sich auf eine Größenordnung ungefähr auf Kinderspielplatz-Seilbahn Niveau. Beim Erreichen der Bergstation der Zip-Line und Betrachten des tatsächlichen Ausmaß wurden dann doch die Handflächen feucht (betont lässig habe ich mir natürlich nichts anmerken lassen). Mehrere Hundert Meter saust man an dem Seil entlang über verschiedene Täler, der Abstand zum Boden zwischendurch sicherlich über 200 Meter. Krampfhaft selbstbewusst (Conni war derart Feuer  und Flamme, dass eine andere Reaktion für mich nicht in Frage kam) bekundete ich meine Vorfreude auf den nahenden Adrenalinkick. Bei der Kasse ignorierte ich geflissentlich den Sicherheitshinweis, dass die Anlage für Personen von maximal 1,85 Meter Körpergröße zugelassen war. Die Betreiber der Anlage versuchten jedoch zu suggerieren das Sicherheit bei diesem Unterfangen durchaus eine Rolle spielt und so mussten sich alle Teilnehmer auf einer Waage einer Gewichtskontrolle unterziehen. Dann ging es los. Das Sicherungsgeschirr wurde angelegt und nacheinander wurden die Teilnehmer in das Stahlseil eingeklinkt und auf die Reise geschickt. Kritisch observierte ich jeden Handgriff des Sicherungspersonals und war eifrig darum bemüht mir selber im Geiste meine aufkommenden Zweifel auszureden. Gegenüber Conni versuchte ich mich mit lässigem Zynismus zu profilieren (selbst bei meiner unerschrockenen Freundin sollte sich eine gewisse Aufregung einstellen). Ich dachte noch an die wenig vertrauenserweckende Bauqualität  unseres Hotels in Longji und stellte mir gerade die Frage, warum die Zip-Line baulich solider sein sollte, als ich auch schon in das Seil eingeklinkt wurde. Aufgrund dessen, dass diese Zeilen entstanden sind, kann sich der Leser den positiven Ausgang dieses Adrenalinkicks denken. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht über die Täler zu rauschen und mit einem dümmlichen Dauergrinsen konnte ich Conni danach absolut Recht geben: es war wie von ihr die ganze Zeit artikuliert „richtig cool“! Wie so oft hatte Conni wieder Recht!

Die Abenddämmerung setzte ein und als es dunkel wurde besuchten wir noch eine Art Lichterpark in dem Bayun Mountain Areal. Dort war es über alle Maßen kitschig, aber dennoch schön. In dem Park wurde mit großen leuchtenden Skulpturen 70 Jahre China gefeiert und mit stereotypen Szenen (Pandas durften natürlich nicht fehlen) dargestellt. Abends gab es für uns Nudelsuppe und später, sehr zu Connis Freude, noch ein Glas von  dem von mir aus der alten Welt mitgebrachten Weißwein.

Am nächsten Tag hatte Conni ganztägig Uni. Dieser Montag war mein letzter voller Tag in Guangzhou. Ich zog los und kaufte ein paar Mitbringsel ein und schlenderte durch verschiedene kleine Parks in der Innenstadt und bekam so unter anderem das Sun-Yat-Sen Memorial zu sehen. Abends genossen Conni und ich ein sehr ausführliches Hot-Pot Essen und gingen dann noch in eine der rar gesäten Bars in Guangzhou. Die von uns gewählte Bar war fussläufig vom Hotel und wirklich sehr angenehm. Leckeres Bier, die Musik auf einer Lautstärke die Gespräche zulässt - wirklich eine Wonne!

Am nächsten Morgen frühstückten wir im Hotel (wir hatten beim Check-In Gutscheine dazu bekommen) und bereiteten langsam aber sicher meinen Abflug am Abend vor. Dazu gehörte auch eine traditionelle chinesische Massage die wir uns am Nachmittag gönnten. 40 Minuten kosteten umgerechnet gerade mal 5 Euro. Befreit von etwaigen muskulären Verspannungen fühlte ich mich gewappnet für die engen Flugzeugsitze die mir nun bevorstanden. Conni brachte mich nachmittags noch zum Flughafen. Der Abschied fiel natürlich schwer, aber die Aussicht sich in 2 Monaten wiederzusehen (und das in Hanoi!) ist eine absolut wundervolle! Ich hätte Conni an ihrer Auslandssemester-Destination überall auf der Welt besucht. Das es auf China hinauslief, war für mich eine große Freude! Ich durfte Bruchstücke eines aufregenden, abwechslungsreichen Land kennenlernen - mit Conni als wundervolle Expertin vor Ort war es wirklich eine unvergessliche Zeit. Nun sitze ich am Flughafen und lasse all die Momente der letzten Tage Revue passieren. Es war großartig und das großartigste ist die Aussicht, sehr bald wieder gemeinsam Asien unsicher machen zu können!

20Oktober
2019

Eine Reise der Kategorie „Davon kann man später seinen Kindern noch erzählen“

Unser Verhältnis zum Regen war in den Longji Reisterrassen sicherlich sehr ungewöhnlich. Nässe und Schauer waren beharrliche Begleiter seit unserer Ankunft und auch in den Stunden vor unserer Kaffee-Rast in den Reisbergen. Aufgrund unserer mangelhaften Ausstattung hinsichtlich Kälte und Feuchtigkeit hatten wir bereits am Vortag außergewöhnlich unschöne Schals (gegen die Kälte) und außergewöhnlich praktische Regenponchos (gegen die Nässe) erworben. Letztere ließen uns wie wandelnde Müllsäcke aussehen, die witterungsbedingten Umstände ließen aber ästhetische Überlegungen schnell obsolet werden. Irgendwie müssen wir durch diese Ausstattung und durch die Tatsache dass es uns (zumindest subjektiv) gar nicht so kalt vorkam, gepaart mit einer gewissen Motivation Neues zu entdecken, eine etwas verschleierte Sicht auf die tatsächlichen Umstände gehabt haben. Diese lassen sich wie folgt beschreiben:

  • Es regnete in Strömen während unserer Kaffeepause - ein Ende schien nicht in Sicht
  • Wir hatten kein Wasser im Wanderrucksack und natürlich auch nicht daran gedacht welches zu kaufen
  • Wir hatten keinerlei Wanderkarte oder Orientierungshilfe. Aber wir hatten eine „Vision“: wir wollten den Ort Ping‘an anlaufen. Diesen hatten wir auf einer absolut unpräzisen Karte (massstabsgerechte Orientierungskarten sind in China Mangelware) am Wegesrand auf einer Tafel ausfindig gemacht.
  • Wir hatten beide das Gefühl das die chinesische Interpretation von „Wandern“ stark divergierend zu unserem Verständnis ist. Auch am Vortag war die Laufdistanz beim Abstieg vom Golden Buddha Peak absolut überschaubar. Eine wichtige Erkenntnis schien uns: Chinesen laufen nicht gern.

Wir beide hingegen waren umso motivierter loszulaufen und brachen so schließlich auf. Beschwingt und vom permanenten Prasseln des Regens auf unsere Kunststoffhäute (die Ponchos) begleitet stapften wir los. Anfangs gab es noch Beschilderungen, sehr schnell ließen wir jedoch die letzte, vereinzelte zivilisatorische Bebauung hinter uns. Der Regen hatte mittlerweile die Stärke einer brandneuen Regenwalddusche, die soeben frisch vom Sanitärbetrieb installiert wurde. Zudem hatte es sich eingeregnet - ein Ende der Niederschläge war nicht in Sicht. Mit frohgemuten (bei kritischer Selbstreflexion könnte man auch sagen „naiven“) Elan zogen wir jedoch immer weiter. Nach einer Dreiviertel Stunde und völliger Durchnässtheit hatten wir einen Entschluss: Jetzt würden wir nicht mehr umdrehen, sondern bis Ping‘an weiterlaufen und dort einen Bus nach Dazhai nehmen. Ein Umdrehen hätte auch eine Fussstrecke von mehr als 2,5 Stunden zur Folge gehabt, schließlich hatten wir bis zu unserer Mittagspause ja auch ein bisschen Strecke gemacht. Der Wanderweg, welcher ohnehin schmal und holprig war, stand mittlerweile völlig unter Wasser. Dort wo es bergab ging, war der Weg ein regelrechter Bach, der viel braun-roten Schlamm mit sich trug. Unsere Schuhe waren längst in Gänze durchweicht, die Füße klatschnass. Schlamm und Erdspritzer waren vereinzelt bis auf Hüfthöhe auf unser Kleidung und auch unsere Regenponchos hatten nur noch eher symbolischen Charakter. Dennoch zogen wir weiter. Beschilderungen gab es nun keine mehr und auch die „Qualität“ des Weges war nicht mehr vorhanden, weshalb uns Zweifel aufkamen ob wir überhaupt noch auf dem Wanderweg waren. Andere Menschen hatten wir seit einer Stunde nicht mehr gesehen (andere Menschen waren ja auch klug genug, im Warmen die Füße bei einer Tasse Tee hochzulegen und nicht durch monsunartigen Regen zu wandern). So liefen wir immer weiter. Eine halbe Stunde später waren wir nahezu am ganzen Körper nass bis auf die Haut. Mit dem Handy recherchieren wo wir denn nun waren und wie wir laufen mussten schien in dieser Situation das Naheliegendste. Natürlich hatten wir aber kein Netz und die Touchscreens versagten im strömenden Regen auch den Dienst. Für mich als Kind des 21. Jahrhunderts natürlich eine Situation weit entfernt der Komfortzone. Nicht zu wissen wo man ist und kein Internet zu haben - völlig inakzeptabel für die Generation Smartphone. Selbst Conni, die ja auf einen großen Pfadfinder-Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, war mit der Situation eher unzufrieden. Das wir gänzlich durchnässt waren führte auch dazu, dass einem unwillkürlich kalt wurde. Unter diesen Umständen liefen wir immer weiter, getragen von einer (rational kaum erklärbaren) guten Laune! Unser Committment war sehr ausgeprägt - wir wussten, dass wir mit diesem Unterfangen vielleicht etwas dumm waren, wir wussten aber auch, dass wir nun das Beste daraus machen wollten. Der Weg hatte immer wieder Stufen um die Steigungen und Gefälle zu bewältigen. Hier lief das Wasser bachartig, entsprechend glitschig waren die Steine. Die Konzentration und das Streben unter diesen Umständen wenigstens nicht auszurutschen verlangsamten das Tempo. So liefen wir immer weiter. Zivilisation Fehlanzeige. Irgendwann, nach einer schieren Unendlichkeit, erschienen in Nebel am Horizont die Umrisse eines Hauses. Dieses war völlig baufällig, dunkel und es schien keine Menschenseele weit und breit. Eine Straße gab es nicht. Jedoch flitzten ein paar Hühner umher, und auch der rumliegende Müll ließ Menschen vermuten. Wir erreichten das Haus und schauten umher. Die Häuser waren von erbärmlicher baulicher Qualität aber paradoxerweise sehr groß und mehrgeschossig. Sie schienen völlig verlassen. Beim Umherschauen sahen wir plötzlich in einem Obergeschoss ein Männer-Gesicht hinter einer Scheibe regungslos zu uns herüberstarren. Ein eher unheimlicher Moment. Genau in diesem Moment ging neben uns eine Tür auf und eine alte, einheimische Frau in der trachtenartigen völlig historischen, aus einer anderen Zeit stammenden Kleidung, stand zahnlos lächelnd neben uns. Unsere Verständigungsversuche (auch mithilfe des Übersetzers vom Handy) schlugen völlig fehl, jedoch bot uns die Frau Wasser an - wir müssen wohl einen existenziell geschwächten Eindruck gemacht haben. So schlimm war unser Zustand jedoch nicht und so setzten wir den Weg dort den die Dame uns zeigt. Wir passieren weitere verlassene, baufällige Häuser und landeten auf einer großen, relativ neuen Straße. Hier würde ja wohl ein Auto fahren und uns mitnehmen. Fehlanzeige. Es kam kein Auto. Wir waren wirklich in einem völlig angehängten Tal angelangt. Die Häuser wirkten allesamt verlassen und Autos hatte hier erst Recht keiner. Wie aus dem nichts kam wieder eine alte Frau in selber Tracht wie jene zuvor aus dem Wald gelaufen. Diesmal kamen wir weiter mit unserer Verständigung mit Händen und Füßen. Wie kontrastreich China ist, wurde uns wieder bewusst als die sehr alte Frau plötzlich ein Smartphone aus ihrer Stammestracht herausholte und wild telefonierte. Wir hatten ihr zuvor mit dem Übersetzer verdeutlicht, dass wir uns verlaufen hatten und eine Fahrt nach Dazhai bräuchten und dafür natürlich auch zahlen würden. Plötzlich stand nach dem Telefonat ein Preis fest: für 200 Yuan würde ein Fahrer kommen und uns nach Hause fahren. Durchnässt und durchgefroren wie wir waren sagten wir sofort zu. Während des Wartens kam ein Bauer vorbei der uns bestaunte wie zwei Wesen von einem anderen Stern. Mit unseren Regencapes haben wir wahrscheinlich auch genauso ausgesehen. Plötzlich kam ein Auto um die Ecke und hielt an. Hier hätten wir auch einsteigen können, aber unsere Alte die uns ein Auto organisieren wollte hielt uns lautstark zurück, scheinbar besorgt den Deal des Monats zu verlieren! Kurzentschlossen lotste uns die alte Dame in ein scheinbar verlassenes Haus um uns vor weiteren Blicken (und Abwerbeversuchen was die Fahrt und den Erhalt unseres Geldes angeht) zu verstecken. Zu unserer Überraschung lebte in dem Haus eine Familie. Es war kalt, zugig und ärmlich. Hier wurde einem wieder deutlich bewusst, wie privilegiert wir leben und wie gut es einem doch letztlich geht. Plötzlich hupte es vor dem Haus - unser Fahrer war da. Dieser trug originellerweise eine Art Polizeiuniform und nahm unsere 200 Yuan entgegen. Dann fuhr er los. Über eine halbe Stunde dauerte die Autofahrt - wir hatten ordentlich Strecke gemacht. Erleichtert kamen wir am Hotel an und duschten erstmal sehr heiß und ausgiebig. Mit dem (hinterfragbaren) Triumph-Gefühl etwas geschafft zu haben, gönnten wir uns ein ausführliches Abendessen im Hotel. Es schmeckte wieder fantastisch. Glücklich und mit dem Gefühl ein Abenteuer bewältigt zu haben gingen wir ins Bett.

Der nächste Tag war ein klassischer Rückreisetag. Mittags ging es mit dem Bus mehrerer Stunden nach Guilin (wieder eine halsbrecherische Fahrt) und von dort wieder mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Guangzhou. Hier kamen wir spät abends an und bezogen wieder das Hotel. Die 25 Grad in Guangzhou bei abendlicher Ankunft waren nach den letzten kalten Tagen in Longsheng eine absolute Wohltat. 

Am nächsten Tag (Samstag) hatte Conni ganztägig Uni. Den Abend nutzten wir für eine wunderschöne Bootsfahrt auf dem Perlfluss mit Blick auf die beeindruckende Skyline von Guangzhou. Zuvor gab es wieder leckeres Dim-Sum. Heute ist Sonntag und Conni hat (unchristlicherweise) bis zum Mittag Uni. Die Chance für mich, begleitet von einem Kaffee, diese Zeilen zu schreiben und die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Heute Nachmittag geht es in die Bayun Mountains. Diese Berge sind praktisch die Hausberge von Guangzhou. Gleich hole ich Conni von der Uni ab und freue mich schon auf den erneuten Ausflug ins Grüne - dieser wird diesmal nur bestimmt weniger abenteuerlich als der letztewink

19Oktober
2019

Eine Reise der Extraklasse

Mittlerweile ist es Samstag und Conni ist wieder in der Uni, heute sogar für acht Stunden. Für mich gilt es also diesen „Tag zur freien Verfügung“ (wie man den heutigen Tag bei einer organisierten Reise nennen würde) sinnvoll zu nutzen. Was ist da naheliegender als ein neuer Blogeintrag der die vielen Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren lässt?

Letzten Sonntag, nachdem der letzte Eintrag hier entstanden ist, habe ich Conni von ihrem Uni Campus abgeholt. Für uns ging es mit dem Bus innerhalb von Guangzhou ins Xiaozhou Village. Diese Gegend besteht im Kern aus einem alten Dorf, welches in seiner ursprünglichen Beschaffenheit erhalten wurde. Pittoreske kleine Häuser, alte entweihte Tempel (die nun als Sportstätten und Freizeitstätten für Senioren fungieren) und viele kleine Flüsse prägen dort die Szenerie. Kleine Boutiquen boten allerlei Nippes an und alle paar Meter gab es Stände mit lokalen Snacks, von denen wir einige probierten. In einem der erwähnten Souvenirläden erwarben wir für umgerechnet ca. 1,50 Euro ein gefälschtes Uno-Kartenspiel (welches auf dem Umkarton statt des Originalbrandings mit dem pfiffig adaptierten Namen „Younuo“ versehen wurde). Die Karten kamen am selben Abend bei ein paar Bierchen in einer Bar und auch in den nächsten Tagen mehrfach zum Einsatz stets mit dem gleichen Resultat: in 95% der Spiele konnte Conni einen glorreichen Sieg verbuchen! 

Um von dieser persönlichen Schmach abzulenken kehre ich nun wieder zurück zur chronologischen Erzählung der vergangenen Tage. Nachdem wir den Abend ausklingen ließen stand am folgenden Montagmorgen der Aufbruch zu unserer fünftägigen Reise nach Yangshou, in die dortigen Karstgebirge und den Reisterassen von Longsheng an. Nach den Tagen in der Stadt schien uns beiden diese Reise ins Grüne eine willkommene Abwechslung. Unchristlich früh riss uns der Wecker aus dem Schlaf und um 6 Uhr verließen wir das Hotel und fuhren mit der Metro zum Bahnhof. Dort erwartete uns eine Check-In Procedere wie man es nur vom Fliegen kennt: Abholen der Boarding-Karten, Ausweiskontrolle, Sicherheitskontrolle, etc. Nachdem wir dieses Verfahren durchlaufen hatten und uns nicht von der kollektiven, bisweilen hysterischen, frühmorgentlichen Aufregung der anderen Reisenden (unabhängig von der Uhrzeit können viele Chinesen schon sehr laut und hektisch sein) anstecken ließen, gab es endlich kurz vor der Zugabfahrt den ersten wohlverdienten Kaffee des Tages. Um acht Uhr war es dann soweit: unser über die Massen schnittige Schnellzug (der über ein ästhetisches Exterieur verfügte, dass direkt aus dem Jahre 2050 zu kommen schien) fuhr am Bahnsteig ein. Conni hatte im Vorfeld die Tickets besorgt und auch sonst wieder im Kontext dieser 5-Tages Reise sehr großes organisatorisches Geschick bewiesen. Daneben bewunderte ich immer mehr ihre chinesischen Sprachfähigkeit welche sich langsam auf Muttersprachenniveau  einpendelt - zumindest wenn es um Essensbestellungen geht! Nun aber zurück zur Anreise nach Yangshuo: nach erfolgter Zugfahrt im Hochgeschwindigkeitszug verbrachten wir  noch ein wenig Zeit im Bus um schließlich nach Yangshuo zu gelangen. Hier konnten die eben erwähnten Sprachfähigkeiten direkt eingesetzt werden, da wir beide Hunger hatten den es unverzüglich zu stillen galt. Gestärkt mit Ente, Reis, Aubergine und einigem mehr ging es für uns zum gebuchten Hostel. Dieses war wirklich klasse: durch bodentiefes Glas konnten wir die umliegenden einzigartigen, zuckerhutförmigen Berge bestaunen und auch der Balkon war sehr einladend. An der Rezeption machten wir von der Möglichkeit gebrauch, sehr günstig Fahrräder auszuleihen. Mit diesen düsten wir los und waren somit plötzlich mittendrin im chinesischen Verkehrschaos. Permanentes Hupen, tausende Roller, Fahrräder, uralte LKW und unzählige Autos fuhren kreuz und quer - und wir beide mit unseren Fahrrädern mittendrin. In diesem Moment war man sehr dankbar für das jahrelange exzessive Radfahren, ob in Münster oder in Ostfriesland, und den daraus gesammelten persönlichen fahrerischen Kompetenzen. Angekommen im Ortszentrum widmeten wir uns dem dortigen bunten und touristischen Treiben. 99,9 Prozent der Touristen sind Chinesen, allerdings gab es auch ein paar wenige Besucher aus anderen Ländern. Das Gastronomische Angebot war breit aufgestellt, so dass sogar ein bayrischer Biergarten geboten wurde. Wir blieben abends jedoch der chinesischen Kulinarik treu und gönnten uns eine lokale Spezialität: Bierfisch. Dieser war köstlich und mit reichlich gefüllten Mägen fuhren wir mit den Fahrrädern zurück ins Hostel, wo wir in komatösen Schlaf fielen. Der nächste Tag stand im Zeichen des erweiterten Sightseeings, dass heißt wir liessen den Ort Yangshuo hinter uns und widmeten uns der wunderschönen Natur. Mit unseren Mieträdern fuhren wir zu einem Fluss, wo eine traditionelle Flossfahrt flussabwärts erfolgte. All das vor traumhafter Kulisse. Souverän steuerte unser Floss-Kapitän unser Boot, sodass wir wohlbehalten wieder aufs Fahrrad steigen konnten und nach einem Mittagessen die nächste Landmark des Tages anfuhren: den Moonhill. Dieser Karst-Berg verfügt über ein großes Loch welches wir besichtigten. Glücklicherweise waren wir gestärkt und konnten somit den kurzen aber steilen Aufstieg schnell bewältigen. Oben angekommen bot sich uns ein wunderschöner Blick über die umliegenden Täler und Berge.

Nachmittags erkundeten wir die Gegend weiter mit unseren Rädern, auch abseits der touristisch viel frequentierten Wege. Dabei boten sich uns immer wieder magische Aussichten und einzigartige Landschaften. Abends machten wir uns frisch im Hostel - eine Partie „Younou“ mit einer krachenden Niederlage für mich durfte nicht fehlen - und zogen danach los zum Abendessen. Dem geneigten Leser des Blogs dürfte spätestens jetzt die hohe Bedeutung des Essens in China deutlich werden. Die kulinarische Landschaft ist großartig: an jeder Ecke wird frisch gekocht, bestellt man Hühnchen, wird dieses im Hinterhof gefangen und direkt zubereitet, bestellt man Fisch, wird dieser direkt aus seinem Wasserbecken geholt und zerlegt. Die Frische, die Vielfalt, die vielen Geschmäcker und das Selbstverständnis zu jeder Tageszeit großzügige Portionen zu konsumieren, gepaart mit den für uns sehr erschwinglichen Preisen, macht das Essen in China zu einer Wonne. Auch an diesem Abend beglückten wir uns wieder mit einigen delikaten Gerichten. 

Am folgenden Tag stand ein Ortswechsel auf der Agenda: von Yangshuo sollte es nach Longsheng bzw. Dazhai gehen. Dazhai ist ein kleines Dorf in den Longji Reisterassen. Die Busfahrt dauerte fast 5 Stunden und war insbesondere in den letzten Stunden der Fahrt äußerst abenteuerlich. Auf engen Straßen, gab es zur Linken ein tiefes Tal, zur Rechten die steile Feldwand. Auf der Straße herrschte gleichwohl der übliche chinesische Verkehrswahn. Ungeachtet der durchaus anspruchsvollen (für westliches Verständnis gefährlichen) Straße wurde unser Bus mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit den Berg hochgeprügelt. Dabei gehörten riskante Überholmanöver ebenso zum Repertoire des Fahrers, genauso wie das permanente Betätigen der Hupe. Zwischendurch musste jedoch brachial in die Bremse getreten werden, und zwar dann wenn zwei Autos kaum aneinander vorbei passten. Die Mühen (allein die Tatsache das man Fahrgast in dem Bus war kann als Mühe bezeichnet werden) wurden jedoch belohnt. Angekommen in Dazhai fielen uns auf dem ersten Blick die einzigartigen Reisterassen ins Auge. Auf dem zweiten Blick offenbarten sich aber auch planerische Fehler unsererseits: 

  • 15 Grad war nicht die Temperatur mit der wir rechneten: wir hatten ausschließlich Kleidung für das gewohnt heiße Wetter im Gepäck 
  • Es gab keine Möglichkeit Bargeld zu beziehen: wie selbstverständlich waren wir von einer touristischen Infrastruktur wie in Yangshuo ausgegangen. Dabei war Dazhai ein winziges Dorf. 
  • Uns wurde bewusst das unsere Bargeldbestände vorne bis hinten nicht reichten, spätestens als ich in der Email vom Hotel nachgelesen hatte, dass der Übernachtungspreis nur in Bar und nicht per Kreditkarte zu entrichten sei.
  • Wir hatten keine Ahnung wo genau unser Hotel lag. Mitten im Grünen ließ uns dann auch noch die Navigationsapp vom Handy im Stich
  • Passend zu diesen Handicaps setzte auch noch ein demoralisierender starker Regen ein.

Statt in Fatalismus zu verfallen, stapften wir jedoch los und irrten von einem instinktiven Aktionismus gepackt durch das ziemlich gespenstische Dorf. Mit Händen und Füßen kamen wir mit Einheimischen ins Gespräch und langsam aber sicher sammelten wir Indizien dafür, welches Gebäude (bzw. welche Baustelle - denn es wurde an jedem Gebäude gebaut und geflickt) unser Hotel war. Schließlich erreichten wir das Hotel. Dort noch eine Erleichterung: der Betreiber hatte eine neue Errungenschaft: ein Kreditkartenlesegerät. Unser Aufenthalt konnte als gezahlt und auch Bargeld über das Gerät und die Hotelkasse bezogen werden. Beschwingt von diesen Erfolgserlebnissen betraten wir unser einzigartig kitschiges Hotelzimmer. Dieses war sehr neu (vielleicht waren wir die ersten Gäste in dem Zimmer) jedoch von dilettantischer baulicher Qualität. Das Zimmer erfüllte so manchen China-Stereotypen. Dennoch war die Aussicht vom Balkon schlichtweg traumhaft. Nach einer Stärkung (es gab Bambusreis - dieser bekommt ein besonders rauchiges Aroma in dem er über dem Feuer in einem Bambusrohr gegrillt wird) fuhren wir mit der Seilbahn im Nebel auf den „Golden Buddha Peak“. Der Regen und die Kälte wurden oben angekommen immer stärker was mich zum hektischen Kauf zweier Regenponchos und eines einzigartig hässlichen Schals für Conni verleitete. Diese Produkte sollten uns aber noch sehr hilfreich sein, denn der Regen blieb ein beharrlicher Begleiter in den nächsten Stunden. Wir spazierten von der Bergspitze hinab in unser Dorf und bestaunten dabei die nebelumwaberten Reisterrassen. Trotz der Umstände: die Umgebung war einfach atemberaubend und einzigartig! Im Tal angekommen aßen wir zu Abend und genossen danach die heisse Dusche im Hotel. 

Der nächste Morgen begann mit vergleichsweise charmanten Wetter und so wanderten wir direkt los. Vorbei an Reisfeldern stiegen wir immer weiter hinauf in die Berge. Mittags machten wir eine ausführliche Kaffeepause in einem süßen Café am Wegesrand und genossen dabei frisches Obst und den Schutz vor dem wieder einsetzenden Regen. Entspannt spielten wir Kniffel (die Würfel und der Block hatten noch Platz gefunden im Wanderrucksack) und brachen kurz darauf auf zum Weiterwandern. Selbstbewusst ignorierten wir den Regen - schließlich fühlten wir uns durch unsere Ponchos gut gewappnet. Das kurz nach Ende des Kniffels ein Abenteuer der Kategorie „davon kann man später seinen Kindern noch erzählen“ folgen sollte war uns in dem Moment noch nicht bewusst. Gestärkt vom Kaffee setzten wir unseren Weg fort.

13Oktober
2019

Ein langersehntes Wiedersehen

Ein ständiges Wechseln zwischen Frieren und Hitzewallungen führt zu der unweigerlichen Frage: Bin ich nun in den Wechseljahren? Tatsächlich liegen die Gründe für dieses wahrgenommene Phänomen weniger in der eigenen körperlichen Verfassung, als vielmehr in der äußeren Umwelt: auch ich (Keno) bin nun in China! Vom 11. bis 23. Oktober habe ich das große Glück Conni besuchen zu können, alles exklusiv von ihr gezeigt zu bekommen und (das lässt sich sicher schon vorab sagen) eine ganz tolle Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Am Freitagvormittag war es dann endlich soweit: nach einem unspektakulären Flug über Peking (wo bereits die Einreiseformalitäten für China erledigt wurden) konnte ich Conni am Flughafen in Guangzhou endlich wieder in die Arme schließen - ein wunderschöner Moment! Kurz darauf (beim Verlassen des Flughafens um mit dem Bus Richtung Connis Apartment zu fahren) begann sich das eingangs beschriebene Phänomen mit voller Breitseite zu zeigen. Nachdem im Flugzeug klimaanlagenbedingt arktische Temperaturen geherrscht hatten (man war jederzeit verwundert das noch kein Dampf beim Ausatmen zustande kam) wurde man unter freiem Himmel mit einer drückenden Hitze konfrontiert - der O-Ton meiner Freundin: „Es ist eigentlich relativ kühl“. Bei 35 Grad und meiner hysterischen, aber nicht ausgesprochenen, Angst dass gleich riesige Schweissflecken auf meinem Hemd sichtbar würden (von mir auch liebevoll „Achselpizza“ genannt) schien mir diese Aussage geradezu tollkühn! Ich zweifelte jedoch nicht an Conni, denn bereits zuvor hatte sie mich sehr beeindruckt (ein Momentum wie ich es noch häufiger haben sollte die nächsten Tage) als sie souverän mit einer Mischung aus Chinesisch und Englisch mit der Busfahrkartenverkäuferin sprach und uns beide so zu zwei Tickets für den - man wird es nicht glauben - tatsächlich richtigen Bus, der uns bis vor die Haustür brachte, organisierte. Connis Ortskenntnis und Ihre gleichzeitig weit fortgeschrittene kulturelle Assimilation waren und sind eine Wohltat für mich! Selber Mitdenken (das kommt bei mir ohnehin selten vor...) muss ich nur wenig, sondern kann mich vielmehr an Ihre Fersen heften und einfach mitlaufen. Conni kennt sich (trotz kritisch hinterfragbaren Orientierungssinn) richtig gut aus, weiß wo was liegt, kann mit chinesischem Vokabular und Ihrem Charme gleichermaßen bei den Einheimischen punkten und kennt die besten kulinarischen Einkehrmöglichkeiten! Die Küche hat in China hat einen sehr hohen Stellenwert, genau wie bei Conni und mir. Nachdem wir das Gepäck im Hotel abgestellt hatten gingen wir unweit davon in einem Restaurant Dim-Sum essen und es war fantastisch! Gestärkt vom Dim-Sum und aufgrund der Tatsache das sich mein Jet-Lag sehr dezent in Hintergrund hielt, brachen wir voller Tatendrang auf. Conni zeigte mir ihr Apartment, welches richtig schön unmittelbar am Perlfluss in einer hübschen Wohnanlage gelegen ist und dann bestaunte ich vom Ufer aus zum ersten Mal den Ausblick auf die Skyline von Guangzhou. Danach zeigte mir Conni den Campus der Sun-Yat-Sen Universität. Der Campus ist ein schön angelegter Park und ist sehr belebt und durch seine exotischen Pflanzen wirklich eine grüne Oase mitten in der Stadt. 

Nun war der Nachmittag schon weit fortgeschritten und wir erholten uns kurz im Hotel. Dabei konnte ich die erste Welle der Reizüberflutung verarbeiten und halte an dieser Stelle meine wichtigsten (selbstbewusst könnte man auch sagen „brillantesten“) Erkenntnisse fest: 

  1. es ist sehr heiss in Guangzhou - aber man gewöhnt sich sehr schnell an die Hitze und gewinnt sie dann sogar lieb. 
  2. Die Chinesen haben ein Faible für den aggressiven Einsatz von Klimaanlagen. Es wirkt als wolle man oft den größtmöglichen Kontrast zur Außentemperatur schaffen.
  3. Es gibt unfassbar tolles und vielseitiges Essen an nahezu jeder Straßenecke 
  4. Die Stadt ist sehr weit entwickelt und erfüllt (bisweilen übertrifft) sie viele europäische Standards (die Parallelität zu Hongkong, welche ich ziemlich stark finde, finde ich bemerkenswert weil Hongkong schließlich im Gegensatz zu Guangzhou eine lange Kolonialzeit mit europäischem Einfluss vorzuweisen hat). 
  5. Aus dem 4. Punkt folgt: China (oder zumindest Guangzhou) ist in vielen Aspekten unheimlich weit: Die Infrastruktur lässt keine Wünsche offen und die Wirtschaft ist beeindruckend. Die Dichte deutscher Autos, sei es Audi, Mercedes oder Porsche auf den Straßen ist nahezu identisch zu jener in deutschen Innenstädten.
  6. Guangzhou ist supermodern. Die Architektur (z.B. die Wolkenkratzer) ist avantgardistisch und strotzt vor Selbstbewusstsein. 
  7. Die Stadt ist sauber und sicher. Entgegen meiner teils düsteren Erwartungen hat man ein sehr hohes Sicherheitsgefühl - dagegen ist die Kölner Hauptbahnhof ein anarchisches Wild-West. Westliche Gäste sind in Guangzhou sehr selten. Man wird teilweise schon als bizarrer Exot betrachtet (was vielleicht auch Connis Schönheit und meiner Körpergröße zu verdanken ist ;-) ) 
  8. Ein Stereotyp konnte jedoch belegt werden: so mancher chinesischer Mann liebt es, öffentlich und gut sichtbar, auszuspucken. Dazu wird lautstark hochgezogen um anschließend möglichst grosse und raue Mengen an Schleim auszuspeien. Daraus entsteht in Herren-Toiletten an Waschbecken bisweilen ein regelrechter Wettkampf: je lauter desto beeindruckender! Hieran muss man sich erstmal gewöhnen...
  9. Das Preisniveau ist für uns Europäer sehr attraktiv - so macht Reisen und gutes Essen erst recht Spaß! Man wird von der allgegenwärtigen Konsumlaune der Chinesen so durchaus angesteckt.
  10. Das schönste ist, wenn man vor Ort, an seiner exotischen Destination angekommen, jemanden hat der sich auskennt und einen souverän an die Hand nimmt - das macht Conni wirklich toll!

Ich kehre zurück zu meiner chronologischen Erzählung. Nachdem wir die Akkus im Hotel ein bisschen aufgeladen haben gab es für uns wieder eine Kleinigkeit, in Form einer Nudelsuppe, zu essen. Danach ging es für uns in den modernsten Teil der Stadt wo wir ins International Financial Center gingen. Im 99. Stock dieses Wolkenkratzers war eine Bar, wo wir mit einem leckeren Cocktail und einem großartigen Blick auf die umliegenden Wolkenkratzer, dem Perlfluss und dem Canton Tower auf unser Wiedersehen anstoßen konnten. Später ließen wir den Abend mit einem Bier am Flussufer ausklingen und genossen dabei sehr, uns endlich wiederzuhaben.

Am nächsten Tag gabs Kaffee zum Frühstück (für mich unersetzlich - für Conni mittlerweile ein eher seltenes Genussmittel, weil die Chinesen nur wenig kaffeeaffin sind) und danach brachen wir auf ins Geschäftszentrum von Guangzhou. Wir liefen viele Kilometer und ich bekam viele Eindrücke. Ein toller Park in der Innenstadt gehörte genauso dazu, wie ein Besuch diverser Malls und Shopping Center (die es hier in rauen Mengen gibt). Unter anderem besuchten wir die verrückten Malls die Conni bereits im Blog vom 6. September beschrieben hat. Dort war es wirklich spannend, in einer Welt von Glitzer und bunten Lichtern, durch endlose Gänge, vorbei an Attraktionen wie Koi-Karpfenbecken und Wellensittichen und natürlich unzähligen Einkaufsläden, zu schlendern. Mittags gabs für uns eine delikate Fischsuppe. Gestärkt ging es mit der U-Bahn in den Textile Exchange District. Die Textilindustrie ist ein riesiges Business in Guangzhou. Hier findet der Verkauf an Endverbraucher und auch Zwischenhändler statt. Es gibt natürlich auch Fake Shops aber auch einfach unfassbar viele sehr günstige und durchaus ansprechende Kleidungsstücke eigener, chinesischer Labels, zu erwerben. Der Stadtteil rund um den Textilhandel ist beeindruckend und wirklich gigantisch. Es ist voll und laut und manchmal gibts auch recht ruhige Ecken. In einer dieser ruhigeren Ecken haben wir für Conni tatsächlich zwei sehr schöne Kleider erstanden (die ehrenvolle Aufgabe diese nach Deutschland zu transportieren obliegt nun mir). Beschwingt von diesem Erfolg traten wir die Rückfahrt an. Mittlerweile war früher Abend. Da unser Bus lange im Stau stand wurde das Wehklagen unserer Mägen immer lauter, weshalb wir auf direktem Wege unser abendliches Restaurant aufsuchten. Conni hatte sich für chinesisches Hot-Pot entschieden und auch schon ein super Restaurant aussondiert. Es war lecker und wirklich ein mehrstündiges Erlebnis, die verschiedenen Fleisch- und Gemüsesticks in den heissen Sossen am Tisch zu kochen. Anschließend machten wir einen Spaziergang zum nächtlich erleuchten Canton Tower, schlenderten danach am Perlfluss entlang zum Hotel und fielen dann ziemlich erschöpft ins Bett. Heute morgen muss Conni für 3 Stunden in die Uni - das ideale Zeitfenster um diese Zeilen zu schreiben! Ich bin sehr gespannt was der Tag und die nächsten Wochen in China bringen werden. Sicher ist, dass wir eine tolle und genussreiche Zeit haben werden! 

06Oktober
2019

Die Golden Week (Teil 2)

Der nächste Morgen sollte früh beginnen. Gegen 9 Uhr nahmen wir einen Bus Richtung Kaiping und man soll es kaum glauben, aber im Gegensatz zur letzten Busfahrt war diese wirklich angenehm. Leise erreichten wir nach 3,5 Stunden unser Ziel. Es wurde ins Hotel eingecheckt und nach einiger Recherche fanden wir heraus: Ok, in diesem Stadtzentrum gibt es wirklich nichts zu sehen. Auch die Hotelrezeptionistin war überfordert uns einen Ratschlag zu geben. Also, so stellten wir fest, eine ziemlich unansehnliche Stadt. Doch außerhalb von Kaiping gab es einige Dörfer in denen es die berühmten Diaolou Häuser zu sehen gab. Ich zitiere meinen Lonely Planet: „mehrstöckige Wachtürme und befestigte Wohnhäuser, die durch die Mischung ihrer Baustile aus Europa und China sowie maurische Einflüsse auffallen. Die Mehrheit wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einigen Dorfbewohnern bebaut.“ Zwar bestand unser Plan darin diese erst am nächsten Tag zu besuchen, jedoch waren die Dörfer sehr verstreut weshalb wir uns entschieden ein Dorf schon am heutigen Tag zu besichtigen. Dabei handelte es sich um ein nicht besonders touristisches Dorf, in dem auch noch einige Leute lebten. So waren dort nur zwei Diaolou für die Touristen zugänglich. Die Architektur war wirklich sehenswert doch auch der Weg dahin war wunderschön. Reisfelder, Bananenplantagen und nur vereinzelte Häuser: für mich als Naturmenschen tat es wirklich gut mal die Stadt zu verlassen.

Auch am nächsten Tag konnten wir die wirklich sehr schöne Natur weiter genießen. Am Morgen ging es mit dem Bus zur Zili Village, welches als das „Dorf to See“ bekannt ist. Dementsprechend   hoch war auch der Touristenandrang vor Ort. Auf dem Weg dahin bemerkten wir davon jedoch erstmal nichts. Aufgrund der rennfahrerartigen Fahrweise unseres Busfahrers verpassten wir unsere Busstation und wurden somit „gezwungen“  ein wenig zu unserem Ziel zu laufen, frische Luft zu tanken und die Natur in uns aufzusaugen. Ja ich stimme euch zu: Das ist schon eine wirkliche Strafe laughing Vorbei ging es an Reisfeldern und ziemlich alten und verlassenen Gebäuden. Auch der Ausblick auf die Diaolou war auf unserem Weg nicht zu verachten. Das Zili Dorf an sich war wirklich  eine Augenweide jedoch ziemlich überlaufen und nach einer Stunde hatte man auch alles besichtigt. Doch direkt am Anfang gelangten wir an einen sehenswerten Platz und wir ließen uns nieder um dort einen Tee zu trinken. Angesprochen wurden wir nach einiger Zeit von einem Jungen, dessen Englischkenntnisse das vieler Chinesen in den Schatten stellte. Und so kamen wir mit ihm und seinen Eltern ins Gespräch und unterhielten uns über das chinesische Schulsystem und die berühmten deutschen Autos, auf die ich hier in fast jeden chinesischen Gespräch angesprochen werde. Das Diaolou in dessen Nähe wir uns niedergelassen haben gehörte der Schwester der Mutter und so wurden wir zu einem Reisgericht mit Wurst und Speck eingeladen. Das Gericht schmeckte sehr interessant, aber zu meiner Leibspeise wird es wohl nicht werden. Nach dem Essen trennten wir uns, da sich die Familie auf den Heimweg machte und wir uns noch einige Dinge ansehen wollten. So kamen wir auf unserem Weg zur Bushaltestelle an einem interessant aussehenden Gebäude vorbei, welches sich als ein Tempel inklusive einem Tower herausstellte. Der Tempel wurde besichtigt, der Tower bestiegen und der Bus wurde daraufhin etwas später Richtung Li-Garten genommen. Dabei handelte es sich um ein Herrenhaus aus dem Jahre 1936, welches von einem reichen Sinoamerikaner erbaut wurde. (Ja, auch hierbei ist mir gerade mein Lonely Planet behilflich laughing) Die Diaolou sahen im Vergleich zu den vorherigen sehr westlich aus, waren gelb angemalt und wirklich noch gut erhalten. Es hatte einen kleinen italienischen Flair, ein kleiner Fluss floss durch das Gelände und wie mein Lonely Planet so schön feststellt: „die gesprenkelten Gehwege sind wirklich entzückend“. Da meine Mitbewohnerin leider kein „Museumsmensch“ ist, sind wir relativ schnell durch das Gelände gehetzt und haben uns dann auf den Rückweg zum Hotel gemacht. Nach einer kurzen Pause sind wir noch ein wenig durch die Innenstadt von Kaiping geschlendert, haben zu Abend gegessen und ein Bier in einer Bar in der Nähe vom Hotel getrunken. Das war wirklich ein Erlebnis, denn es gibt nur sehr sehr wenige Pubs in China. So wurde dies der erste chinesische Barbesuch in meinem Leben, welcher sich nicht besonders von einem deutschen Barbesuch unterschied (hierbei wird der schlechtere Biergeschmack des chinesischen Biers geflissentlich außer Acht gelassen). Müde fielen wir früh ins Bett, denn am nächsten Morgen ging es wieder Richtung Guangzhou. Und so erreichten wir am Samstag dem 5ten Oktober wieder die Stadt und es wurde kein ereignisreicher Tag mehr. Ich verfasste diesen Eintrag, ging Essen und nach einer sehr kleinen Joggingrunde fiel ich früh ins Bett. Die nächsten Tage muss ich mich ein wenig um meine universitären Verpflichtungen kümmern bevor ich dann am 11ten Oktober Keno in die Arme schließen kann. 

 

03Oktober
2019

Die Golden Week (Teil 1)

Golden Week - eine Woche in der fast alle Chinesen frei haben. Mit keinerlei Erwartungen habe ich mich mit Anne-Claire auf diesen Trip begeben. Doch was kann ich als Resultat für mich  festhalten? Es war auf jeden Fall ein Erlebnis. Manches würde ich wiederholen, anderes war zwar sehenswert, muss jedoch nicht wiederholt werden. Ich weiß jetzt auf jeden Fall was die Definition Menschenmasse heißt und wie viele Menschen wirklich in einen Bus passen. Begonnen hat alles am Dienstag und wir sind um ca. 8 Uhr zum Bahnhof aufgebrochen. Schon da begann das Spektakel. Die Tickets konnten noch relativ in Ruhe abgeholt werden doch kaum im Wartebereich angekommen wurde man wie eine Sardine in der Dose eingequetscht. Die 5 Minuten die man jeweils zum Eintritt des Zuges hatte waren auf jeden Fall knapp kalkuliert. Doch nachdem glücklicherweise alles gut geklappt und die Sardine ihren Platz im Zug bekommen hat sind wir mit dem Zug 1,5 Stunden nach Shenzhen gefahren. Unser Hotel befand sich direkt am Bahnhof sodass wir nach Ankunft einchecken und einen Plan ausarbeiten konnten was denn jetzt auf unserer Agenda so steht. Kurz darauf konnte es auch losgehen. Wir machten uns auf dem Weg zum Electric Market von Shenzhen und liefen dabei ein paar Kilometer durch die Stadt um einen Eindruck von dieser zu bekommen. Höchst modern hat sich Shenzhen uns präsentiert. Neue Hochhäuser wo man nur gucken kann. Das es vor einigen Jahren noch ein kleines Fischerdorf war und dann eine große Stadt aus dem Boden gestampft wurde konnte man wirklich spüren. Durch den Nationalfeiertag wurde auch nicht an Flaggen gespart. Aber wem muss man das sagen: 70 Jahre Volksrepublik China, ja das ist ja auch schon mal was. Und wie stolz die Chinesen auf diesen Tag sind konnte man überall spüren. Sehr viele Chinesen hatten Flaggen im Gesicht oder trugen diese in der Hand mit sich rum. Angekommen am Electronic Market waren wir sehr beeindruckt. Jegliche Apple Produkte in allen  erdenklichen Ausführungen für ganz kleines Geld. Natürlich nicht gefälscht, dass ist ja mal klar ;)  Roboter tanzten durch die Gegend und durch VR Brillen konnte man sich (nach einer langen Warteschlange) die virtuelle Welt angucken. So langsam wurde es dann auch schon dunkel und wir machten uns auf den Weg zum Civil City Center um uns die Light Show anzusehen. Diese war wirklich beeindruckend. Die Hochhäuser wurden angestrahlt und eine passende Musk wurde im Hintergrund abgespielt. So schwammen plötzlich Fische durch Shenzhen, welche dann Wiederrum vom Joggern überrannt wurden. Nach einer halben Stunde war der Spuk auch wieder vorbei, worüber sich besonders unsere Mägen freuten. Und da wir natürlich direkt nach einem Tag Guangzhou vermissten, verirrten wir uns in ein Dim Sum Restaurant, welches sehr charakteristisch für Guangzhou ist. Gut gefüllt gingen unsere glücklichen Mägen zurück ins Hotel. 

Der nächste Tag sollte morgens im Motto des Sightseeings stehen und nachmittags wollten wir einen entspannten kleinen Strandausflug machen. Der erste Trip am Morgen stellte sich leider als ein Flop heraus. Die empfohlene Destination war ein Triangel aus drei Freizeitparks, welche aufgrund der golden Week vollkommen überlaufen waren. Da wir Beide auf Menschenmassen und jeweils 30 Euro Eintritt keine Lust hatten, machten wir uns mit der Metro auf den Weg zu einen etwas außerhalb gelegenen Oil Painting Markt. Dieser nahm zwar nicht wie das Textile Exchange Center oder der Medizinmarkt die Fläche von Sonsbeck ein, stand aber wirklich unter dem Motto „klein aber fein“. Viele verschiedene Ateliers auf einem Fleck, eines war dabei bunter als das andere. Sabine, wenn du das liest, du wärst wirklich begeistert gewesen! smile Nachmittags ging es zum Strand, obwohl ich nicht weiß, ob man unseren Ausflug als Strandausflug einstufen kann. Wahrscheinlich kann man unseren Trip als einen chinesischen Strandausflug bezeichnen. Eine Stunde ging es mit dem Bus zum Dameisha Beach. Der Bus, so dachten wir jedenfalls war auf dem Hinweg schon relativ voll. Ohne Probleme haben wir jedoch unser Ziel erreicht. Doch als wir ausstiegen traf uns der Schock. Menschen über Menschen. Eine  Sicherheitspassage musste inklusive Taschenkontrolle passiert werden um an den Strand zu gelangen. Doch selbst nach Eintritt war es schwer das Wasser zu sehen. Menschen lagen wie in einer Sardinenbüchse am Strand. Das diese sich noch nicht stapelten ist wirklich alles. Im Wasser schwamm ein Wasserreifen neben dem anderen und kleine Kinder wuselten durch die Gegend wie Mäuse im Labyrinth. Damit ihr ungefähr wisst was ich damit meine habe ich mal ein Bild eingefügt:) Völlig geschockt holten wir uns erst mal eine Cola und eine Kokosnuss und betrachteten das wuselnde Volk vom Rand des Strandes, da wir dort ein kleines freies Plätzchen zum sitzen fanden. Auch die Lautstärke hat nicht gerade zum entspannen eingeladen. Durch Lautsprecher wurden die Strandbesucher von einer quakenden Stimme mit  sich immer wiederholenden chinesischen Sätze beschallt. Völlig fertig und ein wenig genervt machten wir uns gegen 8 auf den Weg zur Bushaltestelle um eigentlich den nächsten Bus Richtung Hotel zu nehmen. Doch dies stellte sich als ein unmögliches Vorhaben heraus. Die Busse waren so voll, dass Polizisten mit Schlagstöcken das Einsteigen bewachten und in die meisten Busse konnten nur noch 2-3 Personen rein gequetscht werden. Resigniert setzten wir uns nach einer Stunde mit einem  Bier in eine Art Park mit der Hoffnung das wir eine Stunde später in einen Bus einsteigen konnten. Und so kam es dann auch. Eine minimale Besserung war eingetreten, sodass wir ein Miniplätzchen im Bus ergattern konnten. Nach 2 Stunden Horrorfahrt erreichten wir unser Hotel, in dem wir dann todmüde ins Bett fielen.