26Dezember
2019

Ein langersehntes Wiedersehen 2.0

„Ich bin ein Euro. Du kannst mich auch in Dong umtauschen. Dann hast du mehr“. Es ist mitten in der Nacht und ich blicke auf Conni die neben mir im Bett im Schlaf redet. Auf meine schlaftrunkene Rückfrage was mit diesem kryptischen Kommentar wohl gemeint sein könnte, drehte sich Conni, genervt von meiner Begriffsstutzigkeit zur Seite, und ließ mich mit 1000 Fragen im Kopf (nun auch relativ wach) links liegen. Das Conni nun offenbar im Schlaf redet, galt es am nächsten Morgen aufzuarbeiten, genauso wie die Frage was Sie mit dem Kommentar wohl gemeint haben könnte. 

Aber jetzt erstmal von vorne: „Merry Christmas“ waren die letzten Worte von Connis Blogeintrag vom 16. Dezember. Bis Weihnachten waren von da an ja noch einige Tage Abstand, die Conni mit universitären Verpflichtungen in Guangzhou verbrachte. Und wo war ich am 16. Dezember? Auch noch ganz wo anders – sowohl physisch als auch vom Kopf her, noch längst nicht in Asien, sondern im Büro meiner Versicherungstätigkeit, umgeben von den verschneiten Alpen. Dann ging es aber ganz schnell und schon am 22. Dezember saß ich voller Vorfreude in Frankfurt am Flughafen um meinen Flieger nach Hanoi zu besteigen. Am 23. Dezember kam ich bestens gelaunt zu unchristlich früher Ortszeit von 6.20 Uhr an. Mit dem Taxi ging es dann ins Hotel. Auf dem Weg dorthin wurde ich bereits überwältigt von Millionen Roller- und Motorradfahrern die sich in anarchischer Weise durch die Stadt schoben. Auch in engsten, chaotischsten und unübersichtlichsten Situationen legen einige der Fahrer noch hohes Tempo und eine schnittige Fahrweise an den Tag, die nur eine suizidale Absicht vermuten lässt. Angekommen am Hotel, inspizierte ich die Räumlichkeiten und musste enttäuscht feststellen (vielleicht war ich auch etwas von mir selbst und meiner niedrigen Schmerzgrenze enttäuscht) dass ich es in dem beklemmenden Kämmerchen nicht mehr länger aushalten würde. Das Zimmer war irrsinnig laut, denn es lag an einer 8 spurigen Straße (auf der sich die Motorroller drängten und ein durchgängiges Hupen zu hören war) und einer Brückenauffahrt (ein bisschen wie ein Autobahnkreuz), war zugig, und die Dusche im „Bad“ absolut unbrauchbar. Gerade weil ich wusste, dass am Folgetag Conni ebenfalls in Hanoi ankommen würde und dann auch die Weihnachtstage vor der Tür stehen, entschied ich mich zu einer spontanen Neudisposition der Hotelwahl. Ich entschied mich für ein anderes Hotel unweit des ursprünglichen und nahm das Gepäck mit. 

Nun war es bereits Nachmittag geworden und nach einem kurzen Nap machte ich mich auf, ein wenig das Old Quarter von Hanoi zu erkunden, um am nächsten Tag gegenüber Conni mit meinen brillianten Ortskenntnissen protzen zu können. Die Straßen haben einen unglaublichen Charme und immer wieder gibt es Gebäude aus französischer Kolonialzeit die zu einem heterogenen und spannenden Architekturmix sorgen. Zwar ist man in latenter Sorge von einem Roller umgefahren zu werden (da die Bürgersteige durchwegs als Parkplätze für die Roller dienen sind diese unbrauchbar und man ist gezwungen auf die Straße auszuweichen), jedoch hat die Stadt einen wirklich reizvollen Flair. Der Smog war ebenfalls so intensiv, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben wahrgenommen habe. Umweltspuren, Umweltplaketten und Katalysatoren scheinen in Hanoi wie progressive und bizarre Wahnvorstellungen aus einer anderen Welt. Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, außer alter Busse, in der 6 Mio. Einwohnerstadt und jeder der kann fährt mit dem Roller oder Auto – die Folgen für mich waren ein kratziger Hals und die Feststellung, dass die Sensibilisierung für Umwelt und Gesundheit schon radikal divergierend sein kann. Abends gab es eine Pho Suppe für mich und danach ging es wieder ins Hotel wo ich in einen 11 stündigen, komatösen Schlaf fiel.

Und dann war es soweit: Am nächsten Morgen kam Conni aus Guangzhou eingeflogen und ich konnte sie am Flughafen endlich wieder in die Arme schließen. Gemeinsam ging es ins Hotel. Das große Glück einander wiederzuhaben wurde dann noch gesteigert, indem wir uns zu Mittag Frühlings- und Sommerrollen als Lunch beschafften. Mit einem Bier konnten wir auf das Wiedersehen anstoßen. Gemeinsam schlenderten wir durch die Gassen des Old Quarters, besichtigten einen beeindruckenden Tempel in der Mitte eines Sees und bekamen die St. Joseph Kathedrale zu sehen. Dieser ist die französische Architektur direkt anzusehen, schließlich erinnert die Doppelturmfassade an die berühmte Notre Dame in Paris. Am Nachmittag gab es für uns noch einen Egg Coffee (eine lokale Kaffeespezialität mit Ei) bevor es dann ins Hotel ging um sich frisch zu machen für das Weihnachtsessen am Abend. 

Das Restaurant fürs Weihnachtsessen, das „Green Tangerine“ hatte ich bereits 2 Monate zuvor reserviert und wartete mit einem wunderbaren Weihnachtsmenü auf, für welches wir uns entschieden. Neben einer Ying-Yang Suppe, Foie Gras, Weihnachtstruthahn und Mille Feuilles mit französischem Käse gab es einen weihnachtlichen Schokoladenkuchen mit Passionsfrucht, all das begleitet von einem schweren französischen Rotwein. Anders als man es von anderen ganzheitlichen Menüs kennt, waren die Portionen jedoch nicht unbedingt auf die Vielzahl der Gänge ausgelegt, weshalb wir am Ende pappsatt, aber sehr glücklich, das Restaurant verließen. Wir machten uns auf den Weg Richtung St. Joseph Kathedrale um hier noch weiter in Weihnachtstimmung zu kommen. Der Verkehr Richtung Kirche war gänzlich zum erliegen gekommen, es schoben sich die Menschenmassen nur so durch die Straßen. Der Aufwand wurde jedoch belohnt, denn die erleuchtete Kirche mit einem riesigen Weihnachtsbaum davor war wirklich sehr schön. Nach einem Schlummertrunk ging es für uns ins Hotel, wo wir beide sehr müde, satt und glücklich ins Bett fielen

Nach wenigen Stunden Schlaf geschah das eingangs geschilderte: Conni brabbelte im Schlaf vor sich hin. Als ich sie am nächsten Morgen beim Frühstück damit konfrontierte, konnte sie sich ihre nächtliche Redseligkeit, genauso wenig wie ich erklären (denn Umtauschen wollte ich die Conni schon gar nicht, denn ich war ja überglücklich sie endlich wieder bei mir zu haben): Gemeinsam interpretierten wir das Gesagte: Vielleicht stand Conni noch unter Eindruck der tausenden Wechselstuben die es in Hanoi gibt, wo man für 100 Euro ca. 2,5 Mio. Dong bekommen konnte. Trotz dieser nächtlichen Sonderbarkeit versicherte ich Conni, dass ich sie noch nicht umtauschen würde und wir starteten in den Tag. Wir schlenderten zum Train Market, eine Eisenbahnstrecke quer durch die Stadt, auf welcher früher Züge fuhren und wo die direkt auf dem Gleisbett aufgestellten Marktstände immer schnell zusammengepackt werden mussten. Aus Sicherheitsgründen ist dieser Markt jedoch mittlerweile geschlossen. Für uns ging es anschliessend in das Regierungsviertel, wo wir das Ho-Chi-Minh Mausoleum, die Ein-Säulen-Pagode, den Flak-Tower und die Zitadelle besichtigten. Nach all dem vielfältigen Sightseeing erholten wir uns am Nachmittag bevor es Abends wieder ein gehobenes Essen gab (es ist ja schließlich Weihnachten ;)). Wir aßen wunderbare vietnameische Gerichte und erneut ging es satt und zufrieden ins Hotel. Die zweite gemeinsame Nacht während dieser Reise blieb ich von nächtlichen Monologen meiner Freundin verschont, jedoch fiel Conni gegen 3 Uhr nachts aus dem Bett, was angesichts der Breite von mindestens 1,60 Meter eine erstaunliche Leistung war (und nein, so breit habe ich mich nicht gemacht ;)).

Der nächste Morgen begann mit einem Frühstück und anschließend brachen wir auf Richtung Cat Ba. Die mehrstündige Busfahrt nutzte ich um diesen Eintrag zu schreiben. Eine Tätigkeit die nicht nur mir Freude bereitete sondern auch für Conni positiv war, denn sie konnte ein bisschen lesen ohne von Ihrem Freund, der ja nun mit dem Schreiben beschäftigt war, wie sonst immer gestört zu werden. Für uns geht es nun gleich an Bord des Schiffes welches uns auf die Insel bringt. Wir sind gespannt was uns erwartet und freuen uns dem Smog der letzten Tage nun erstmal mit einem Luftwechsel zu begegnen. Und wer weiß, mit was für einer Aktion Conni heute Nacht meine Aufmerksamkeit erregt und die Leser im nächsten Blogeintrag unterhält.