13Oktober
2019

Ein langersehntes Wiedersehen

Ein ständiges Wechseln zwischen Frieren und Hitzewallungen führt zu der unweigerlichen Frage: Bin ich nun in den Wechseljahren? Tatsächlich liegen die Gründe für dieses wahrgenommene Phänomen weniger in der eigenen körperlichen Verfassung, als vielmehr in der äußeren Umwelt: auch ich (Keno) bin nun in China! Vom 11. bis 23. Oktober habe ich das große Glück Conni besuchen zu können, alles exklusiv von ihr gezeigt zu bekommen und (das lässt sich sicher schon vorab sagen) eine ganz tolle Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Am Freitagvormittag war es dann endlich soweit: nach einem unspektakulären Flug über Peking (wo bereits die Einreiseformalitäten für China erledigt wurden) konnte ich Conni am Flughafen in Guangzhou endlich wieder in die Arme schließen - ein wunderschöner Moment! Kurz darauf (beim Verlassen des Flughafens um mit dem Bus Richtung Connis Apartment zu fahren) begann sich das eingangs beschriebene Phänomen mit voller Breitseite zu zeigen. Nachdem im Flugzeug klimaanlagenbedingt arktische Temperaturen geherrscht hatten (man war jederzeit verwundert das noch kein Dampf beim Ausatmen zustande kam) wurde man unter freiem Himmel mit einer drückenden Hitze konfrontiert - der O-Ton meiner Freundin: „Es ist eigentlich relativ kühl“. Bei 35 Grad und meiner hysterischen, aber nicht ausgesprochenen, Angst dass gleich riesige Schweissflecken auf meinem Hemd sichtbar würden (von mir auch liebevoll „Achselpizza“ genannt) schien mir diese Aussage geradezu tollkühn! Ich zweifelte jedoch nicht an Conni, denn bereits zuvor hatte sie mich sehr beeindruckt (ein Momentum wie ich es noch häufiger haben sollte die nächsten Tage) als sie souverän mit einer Mischung aus Chinesisch und Englisch mit der Busfahrkartenverkäuferin sprach und uns beide so zu zwei Tickets für den - man wird es nicht glauben - tatsächlich richtigen Bus, der uns bis vor die Haustür brachte, organisierte. Connis Ortskenntnis und Ihre gleichzeitig weit fortgeschrittene kulturelle Assimilation waren und sind eine Wohltat für mich! Selber Mitdenken (das kommt bei mir ohnehin selten vor...) muss ich nur wenig, sondern kann mich vielmehr an Ihre Fersen heften und einfach mitlaufen. Conni kennt sich (trotz kritisch hinterfragbaren Orientierungssinn) richtig gut aus, weiß wo was liegt, kann mit chinesischem Vokabular und Ihrem Charme gleichermaßen bei den Einheimischen punkten und kennt die besten kulinarischen Einkehrmöglichkeiten! Die Küche hat in China hat einen sehr hohen Stellenwert, genau wie bei Conni und mir. Nachdem wir das Gepäck im Hotel abgestellt hatten gingen wir unweit davon in einem Restaurant Dim-Sum essen und es war fantastisch! Gestärkt vom Dim-Sum und aufgrund der Tatsache das sich mein Jet-Lag sehr dezent in Hintergrund hielt, brachen wir voller Tatendrang auf. Conni zeigte mir ihr Apartment, welches richtig schön unmittelbar am Perlfluss in einer hübschen Wohnanlage gelegen ist und dann bestaunte ich vom Ufer aus zum ersten Mal den Ausblick auf die Skyline von Guangzhou. Danach zeigte mir Conni den Campus der Sun-Yat-Sen Universität. Der Campus ist ein schön angelegter Park und ist sehr belebt und durch seine exotischen Pflanzen wirklich eine grüne Oase mitten in der Stadt. 

Nun war der Nachmittag schon weit fortgeschritten und wir erholten uns kurz im Hotel. Dabei konnte ich die erste Welle der Reizüberflutung verarbeiten und halte an dieser Stelle meine wichtigsten (selbstbewusst könnte man auch sagen „brillantesten“) Erkenntnisse fest: 

  1. es ist sehr heiss in Guangzhou - aber man gewöhnt sich sehr schnell an die Hitze und gewinnt sie dann sogar lieb. 
  2. Die Chinesen haben ein Faible für den aggressiven Einsatz von Klimaanlagen. Es wirkt als wolle man oft den größtmöglichen Kontrast zur Außentemperatur schaffen.
  3. Es gibt unfassbar tolles und vielseitiges Essen an nahezu jeder Straßenecke 
  4. Die Stadt ist sehr weit entwickelt und erfüllt (bisweilen übertrifft) sie viele europäische Standards (die Parallelität zu Hongkong, welche ich ziemlich stark finde, finde ich bemerkenswert weil Hongkong schließlich im Gegensatz zu Guangzhou eine lange Kolonialzeit mit europäischem Einfluss vorzuweisen hat). 
  5. Aus dem 4. Punkt folgt: China (oder zumindest Guangzhou) ist in vielen Aspekten unheimlich weit: Die Infrastruktur lässt keine Wünsche offen und die Wirtschaft ist beeindruckend. Die Dichte deutscher Autos, sei es Audi, Mercedes oder Porsche auf den Straßen ist nahezu identisch zu jener in deutschen Innenstädten.
  6. Guangzhou ist supermodern. Die Architektur (z.B. die Wolkenkratzer) ist avantgardistisch und strotzt vor Selbstbewusstsein. 
  7. Die Stadt ist sauber und sicher. Entgegen meiner teils düsteren Erwartungen hat man ein sehr hohes Sicherheitsgefühl - dagegen ist die Kölner Hauptbahnhof ein anarchisches Wild-West. Westliche Gäste sind in Guangzhou sehr selten. Man wird teilweise schon als bizarrer Exot betrachtet (was vielleicht auch Connis Schönheit und meiner Körpergröße zu verdanken ist ;-) ) 
  8. Ein Stereotyp konnte jedoch belegt werden: so mancher chinesischer Mann liebt es, öffentlich und gut sichtbar, auszuspucken. Dazu wird lautstark hochgezogen um anschließend möglichst grosse und raue Mengen an Schleim auszuspeien. Daraus entsteht in Herren-Toiletten an Waschbecken bisweilen ein regelrechter Wettkampf: je lauter desto beeindruckender! Hieran muss man sich erstmal gewöhnen...
  9. Das Preisniveau ist für uns Europäer sehr attraktiv - so macht Reisen und gutes Essen erst recht Spaß! Man wird von der allgegenwärtigen Konsumlaune der Chinesen so durchaus angesteckt.
  10. Das schönste ist, wenn man vor Ort, an seiner exotischen Destination angekommen, jemanden hat der sich auskennt und einen souverän an die Hand nimmt - das macht Conni wirklich toll!

Ich kehre zurück zu meiner chronologischen Erzählung. Nachdem wir die Akkus im Hotel ein bisschen aufgeladen haben gab es für uns wieder eine Kleinigkeit, in Form einer Nudelsuppe, zu essen. Danach ging es für uns in den modernsten Teil der Stadt wo wir ins International Financial Center gingen. Im 99. Stock dieses Wolkenkratzers war eine Bar, wo wir mit einem leckeren Cocktail und einem großartigen Blick auf die umliegenden Wolkenkratzer, dem Perlfluss und dem Canton Tower auf unser Wiedersehen anstoßen konnten. Später ließen wir den Abend mit einem Bier am Flussufer ausklingen und genossen dabei sehr, uns endlich wiederzuhaben.

Am nächsten Tag gabs Kaffee zum Frühstück (für mich unersetzlich - für Conni mittlerweile ein eher seltenes Genussmittel, weil die Chinesen nur wenig kaffeeaffin sind) und danach brachen wir auf ins Geschäftszentrum von Guangzhou. Wir liefen viele Kilometer und ich bekam viele Eindrücke. Ein toller Park in der Innenstadt gehörte genauso dazu, wie ein Besuch diverser Malls und Shopping Center (die es hier in rauen Mengen gibt). Unter anderem besuchten wir die verrückten Malls die Conni bereits im Blog vom 6. September beschrieben hat. Dort war es wirklich spannend, in einer Welt von Glitzer und bunten Lichtern, durch endlose Gänge, vorbei an Attraktionen wie Koi-Karpfenbecken und Wellensittichen und natürlich unzähligen Einkaufsläden, zu schlendern. Mittags gabs für uns eine delikate Fischsuppe. Gestärkt ging es mit der U-Bahn in den Textile Exchange District. Die Textilindustrie ist ein riesiges Business in Guangzhou. Hier findet der Verkauf an Endverbraucher und auch Zwischenhändler statt. Es gibt natürlich auch Fake Shops aber auch einfach unfassbar viele sehr günstige und durchaus ansprechende Kleidungsstücke eigener, chinesischer Labels, zu erwerben. Der Stadtteil rund um den Textilhandel ist beeindruckend und wirklich gigantisch. Es ist voll und laut und manchmal gibts auch recht ruhige Ecken. In einer dieser ruhigeren Ecken haben wir für Conni tatsächlich zwei sehr schöne Kleider erstanden (die ehrenvolle Aufgabe diese nach Deutschland zu transportieren obliegt nun mir). Beschwingt von diesem Erfolg traten wir die Rückfahrt an. Mittlerweile war früher Abend. Da unser Bus lange im Stau stand wurde das Wehklagen unserer Mägen immer lauter, weshalb wir auf direktem Wege unser abendliches Restaurant aufsuchten. Conni hatte sich für chinesisches Hot-Pot entschieden und auch schon ein super Restaurant aussondiert. Es war lecker und wirklich ein mehrstündiges Erlebnis, die verschiedenen Fleisch- und Gemüsesticks in den heissen Sossen am Tisch zu kochen. Anschließend machten wir einen Spaziergang zum nächtlich erleuchten Canton Tower, schlenderten danach am Perlfluss entlang zum Hotel und fielen dann ziemlich erschöpft ins Bett. Heute morgen muss Conni für 3 Stunden in die Uni - das ideale Zeitfenster um diese Zeilen zu schreiben! Ich bin sehr gespannt was der Tag und die nächsten Wochen in China bringen werden. Sicher ist, dass wir eine tolle und genussreiche Zeit haben werden!