19Oktober
2019

Eine Reise der Extraklasse

Mittlerweile ist es Samstag und Conni ist wieder in der Uni, heute sogar für acht Stunden. Für mich gilt es also diesen „Tag zur freien Verfügung“ (wie man den heutigen Tag bei einer organisierten Reise nennen würde) sinnvoll zu nutzen. Was ist da naheliegender als ein neuer Blogeintrag der die vielen Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren lässt?

Letzten Sonntag, nachdem der letzte Eintrag hier entstanden ist, habe ich Conni von ihrem Uni Campus abgeholt. Für uns ging es mit dem Bus innerhalb von Guangzhou ins Xiaozhou Village. Diese Gegend besteht im Kern aus einem alten Dorf, welches in seiner ursprünglichen Beschaffenheit erhalten wurde. Pittoreske kleine Häuser, alte entweihte Tempel (die nun als Sportstätten und Freizeitstätten für Senioren fungieren) und viele kleine Flüsse prägen dort die Szenerie. Kleine Boutiquen boten allerlei Nippes an und alle paar Meter gab es Stände mit lokalen Snacks, von denen wir einige probierten. In einem der erwähnten Souvenirläden erwarben wir für umgerechnet ca. 1,50 Euro ein gefälschtes Uno-Kartenspiel (welches auf dem Umkarton statt des Originalbrandings mit dem pfiffig adaptierten Namen „Younuo“ versehen wurde). Die Karten kamen am selben Abend bei ein paar Bierchen in einer Bar und auch in den nächsten Tagen mehrfach zum Einsatz stets mit dem gleichen Resultat: in 95% der Spiele konnte Conni einen glorreichen Sieg verbuchen! 

Um von dieser persönlichen Schmach abzulenken kehre ich nun wieder zurück zur chronologischen Erzählung der vergangenen Tage. Nachdem wir den Abend ausklingen ließen stand am folgenden Montagmorgen der Aufbruch zu unserer fünftägigen Reise nach Yangshou, in die dortigen Karstgebirge und den Reisterassen von Longsheng an. Nach den Tagen in der Stadt schien uns beiden diese Reise ins Grüne eine willkommene Abwechslung. Unchristlich früh riss uns der Wecker aus dem Schlaf und um 6 Uhr verließen wir das Hotel und fuhren mit der Metro zum Bahnhof. Dort erwartete uns eine Check-In Procedere wie man es nur vom Fliegen kennt: Abholen der Boarding-Karten, Ausweiskontrolle, Sicherheitskontrolle, etc. Nachdem wir dieses Verfahren durchlaufen hatten und uns nicht von der kollektiven, bisweilen hysterischen, frühmorgentlichen Aufregung der anderen Reisenden (unabhängig von der Uhrzeit können viele Chinesen schon sehr laut und hektisch sein) anstecken ließen, gab es endlich kurz vor der Zugabfahrt den ersten wohlverdienten Kaffee des Tages. Um acht Uhr war es dann soweit: unser über die Massen schnittige Schnellzug (der über ein ästhetisches Exterieur verfügte, dass direkt aus dem Jahre 2050 zu kommen schien) fuhr am Bahnsteig ein. Conni hatte im Vorfeld die Tickets besorgt und auch sonst wieder im Kontext dieser 5-Tages Reise sehr großes organisatorisches Geschick bewiesen. Daneben bewunderte ich immer mehr ihre chinesischen Sprachfähigkeit welche sich langsam auf Muttersprachenniveau  einpendelt - zumindest wenn es um Essensbestellungen geht! Nun aber zurück zur Anreise nach Yangshuo: nach erfolgter Zugfahrt im Hochgeschwindigkeitszug verbrachten wir  noch ein wenig Zeit im Bus um schließlich nach Yangshuo zu gelangen. Hier konnten die eben erwähnten Sprachfähigkeiten direkt eingesetzt werden, da wir beide Hunger hatten den es unverzüglich zu stillen galt. Gestärkt mit Ente, Reis, Aubergine und einigem mehr ging es für uns zum gebuchten Hostel. Dieses war wirklich klasse: durch bodentiefes Glas konnten wir die umliegenden einzigartigen, zuckerhutförmigen Berge bestaunen und auch der Balkon war sehr einladend. An der Rezeption machten wir von der Möglichkeit gebrauch, sehr günstig Fahrräder auszuleihen. Mit diesen düsten wir los und waren somit plötzlich mittendrin im chinesischen Verkehrschaos. Permanentes Hupen, tausende Roller, Fahrräder, uralte LKW und unzählige Autos fuhren kreuz und quer - und wir beide mit unseren Fahrrädern mittendrin. In diesem Moment war man sehr dankbar für das jahrelange exzessive Radfahren, ob in Münster oder in Ostfriesland, und den daraus gesammelten persönlichen fahrerischen Kompetenzen. Angekommen im Ortszentrum widmeten wir uns dem dortigen bunten und touristischen Treiben. 99,9 Prozent der Touristen sind Chinesen, allerdings gab es auch ein paar wenige Besucher aus anderen Ländern. Das Gastronomische Angebot war breit aufgestellt, so dass sogar ein bayrischer Biergarten geboten wurde. Wir blieben abends jedoch der chinesischen Kulinarik treu und gönnten uns eine lokale Spezialität: Bierfisch. Dieser war köstlich und mit reichlich gefüllten Mägen fuhren wir mit den Fahrrädern zurück ins Hostel, wo wir in komatösen Schlaf fielen. Der nächste Tag stand im Zeichen des erweiterten Sightseeings, dass heißt wir liessen den Ort Yangshuo hinter uns und widmeten uns der wunderschönen Natur. Mit unseren Mieträdern fuhren wir zu einem Fluss, wo eine traditionelle Flossfahrt flussabwärts erfolgte. All das vor traumhafter Kulisse. Souverän steuerte unser Floss-Kapitän unser Boot, sodass wir wohlbehalten wieder aufs Fahrrad steigen konnten und nach einem Mittagessen die nächste Landmark des Tages anfuhren: den Moonhill. Dieser Karst-Berg verfügt über ein großes Loch welches wir besichtigten. Glücklicherweise waren wir gestärkt und konnten somit den kurzen aber steilen Aufstieg schnell bewältigen. Oben angekommen bot sich uns ein wunderschöner Blick über die umliegenden Täler und Berge.

Nachmittags erkundeten wir die Gegend weiter mit unseren Rädern, auch abseits der touristisch viel frequentierten Wege. Dabei boten sich uns immer wieder magische Aussichten und einzigartige Landschaften. Abends machten wir uns frisch im Hostel - eine Partie „Younou“ mit einer krachenden Niederlage für mich durfte nicht fehlen - und zogen danach los zum Abendessen. Dem geneigten Leser des Blogs dürfte spätestens jetzt die hohe Bedeutung des Essens in China deutlich werden. Die kulinarische Landschaft ist großartig: an jeder Ecke wird frisch gekocht, bestellt man Hühnchen, wird dieses im Hinterhof gefangen und direkt zubereitet, bestellt man Fisch, wird dieser direkt aus seinem Wasserbecken geholt und zerlegt. Die Frische, die Vielfalt, die vielen Geschmäcker und das Selbstverständnis zu jeder Tageszeit großzügige Portionen zu konsumieren, gepaart mit den für uns sehr erschwinglichen Preisen, macht das Essen in China zu einer Wonne. Auch an diesem Abend beglückten wir uns wieder mit einigen delikaten Gerichten. 

Am folgenden Tag stand ein Ortswechsel auf der Agenda: von Yangshuo sollte es nach Longsheng bzw. Dazhai gehen. Dazhai ist ein kleines Dorf in den Longji Reisterassen. Die Busfahrt dauerte fast 5 Stunden und war insbesondere in den letzten Stunden der Fahrt äußerst abenteuerlich. Auf engen Straßen, gab es zur Linken ein tiefes Tal, zur Rechten die steile Feldwand. Auf der Straße herrschte gleichwohl der übliche chinesische Verkehrswahn. Ungeachtet der durchaus anspruchsvollen (für westliches Verständnis gefährlichen) Straße wurde unser Bus mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit den Berg hochgeprügelt. Dabei gehörten riskante Überholmanöver ebenso zum Repertoire des Fahrers, genauso wie das permanente Betätigen der Hupe. Zwischendurch musste jedoch brachial in die Bremse getreten werden, und zwar dann wenn zwei Autos kaum aneinander vorbei passten. Die Mühen (allein die Tatsache das man Fahrgast in dem Bus war kann als Mühe bezeichnet werden) wurden jedoch belohnt. Angekommen in Dazhai fielen uns auf dem ersten Blick die einzigartigen Reisterassen ins Auge. Auf dem zweiten Blick offenbarten sich aber auch planerische Fehler unsererseits: 

  • 15 Grad war nicht die Temperatur mit der wir rechneten: wir hatten ausschließlich Kleidung für das gewohnt heiße Wetter im Gepäck 
  • Es gab keine Möglichkeit Bargeld zu beziehen: wie selbstverständlich waren wir von einer touristischen Infrastruktur wie in Yangshuo ausgegangen. Dabei war Dazhai ein winziges Dorf. 
  • Uns wurde bewusst das unsere Bargeldbestände vorne bis hinten nicht reichten, spätestens als ich in der Email vom Hotel nachgelesen hatte, dass der Übernachtungspreis nur in Bar und nicht per Kreditkarte zu entrichten sei.
  • Wir hatten keine Ahnung wo genau unser Hotel lag. Mitten im Grünen ließ uns dann auch noch die Navigationsapp vom Handy im Stich
  • Passend zu diesen Handicaps setzte auch noch ein demoralisierender starker Regen ein.

Statt in Fatalismus zu verfallen, stapften wir jedoch los und irrten von einem instinktiven Aktionismus gepackt durch das ziemlich gespenstische Dorf. Mit Händen und Füßen kamen wir mit Einheimischen ins Gespräch und langsam aber sicher sammelten wir Indizien dafür, welches Gebäude (bzw. welche Baustelle - denn es wurde an jedem Gebäude gebaut und geflickt) unser Hotel war. Schließlich erreichten wir das Hotel. Dort noch eine Erleichterung: der Betreiber hatte eine neue Errungenschaft: ein Kreditkartenlesegerät. Unser Aufenthalt konnte als gezahlt und auch Bargeld über das Gerät und die Hotelkasse bezogen werden. Beschwingt von diesen Erfolgserlebnissen betraten wir unser einzigartig kitschiges Hotelzimmer. Dieses war sehr neu (vielleicht waren wir die ersten Gäste in dem Zimmer) jedoch von dilettantischer baulicher Qualität. Das Zimmer erfüllte so manchen China-Stereotypen. Dennoch war die Aussicht vom Balkon schlichtweg traumhaft. Nach einer Stärkung (es gab Bambusreis - dieser bekommt ein besonders rauchiges Aroma in dem er über dem Feuer in einem Bambusrohr gegrillt wird) fuhren wir mit der Seilbahn im Nebel auf den „Golden Buddha Peak“. Der Regen und die Kälte wurden oben angekommen immer stärker was mich zum hektischen Kauf zweier Regenponchos und eines einzigartig hässlichen Schals für Conni verleitete. Diese Produkte sollten uns aber noch sehr hilfreich sein, denn der Regen blieb ein beharrlicher Begleiter in den nächsten Stunden. Wir spazierten von der Bergspitze hinab in unser Dorf und bestaunten dabei die nebelumwaberten Reisterrassen. Trotz der Umstände: die Umgebung war einfach atemberaubend und einzigartig! Im Tal angekommen aßen wir zu Abend und genossen danach die heisse Dusche im Hotel. 

Der nächste Morgen begann mit vergleichsweise charmanten Wetter und so wanderten wir direkt los. Vorbei an Reisfeldern stiegen wir immer weiter hinauf in die Berge. Mittags machten wir eine ausführliche Kaffeepause in einem süßen Café am Wegesrand und genossen dabei frisches Obst und den Schutz vor dem wieder einsetzenden Regen. Entspannt spielten wir Kniffel (die Würfel und der Block hatten noch Platz gefunden im Wanderrucksack) und brachen kurz darauf auf zum Weiterwandern. Selbstbewusst ignorierten wir den Regen - schließlich fühlten wir uns durch unsere Ponchos gut gewappnet. Das kurz nach Ende des Kniffels ein Abenteuer der Kategorie „davon kann man später seinen Kindern noch erzählen“ folgen sollte war uns in dem Moment noch nicht bewusst. Gestärkt vom Kaffee setzten wir unseren Weg fort.