20Oktober
2019

Eine Reise der Kategorie „Davon kann man später seinen Kindern noch erzählen“

Unser Verhältnis zum Regen war in den Longji Reisterrassen sicherlich sehr ungewöhnlich. Nässe und Schauer waren beharrliche Begleiter seit unserer Ankunft und auch in den Stunden vor unserer Kaffee-Rast in den Reisbergen. Aufgrund unserer mangelhaften Ausstattung hinsichtlich Kälte und Feuchtigkeit hatten wir bereits am Vortag außergewöhnlich unschöne Schals (gegen die Kälte) und außergewöhnlich praktische Regenponchos (gegen die Nässe) erworben. Letztere ließen uns wie wandelnde Müllsäcke aussehen, die witterungsbedingten Umstände ließen aber ästhetische Überlegungen schnell obsolet werden. Irgendwie müssen wir durch diese Ausstattung und durch die Tatsache dass es uns (zumindest subjektiv) gar nicht so kalt vorkam, gepaart mit einer gewissen Motivation Neues zu entdecken, eine etwas verschleierte Sicht auf die tatsächlichen Umstände gehabt haben. Diese lassen sich wie folgt beschreiben:

  • Es regnete in Strömen während unserer Kaffeepause - ein Ende schien nicht in Sicht
  • Wir hatten kein Wasser im Wanderrucksack und natürlich auch nicht daran gedacht welches zu kaufen
  • Wir hatten keinerlei Wanderkarte oder Orientierungshilfe. Aber wir hatten eine „Vision“: wir wollten den Ort Ping‘an anlaufen. Diesen hatten wir auf einer absolut unpräzisen Karte (massstabsgerechte Orientierungskarten sind in China Mangelware) am Wegesrand auf einer Tafel ausfindig gemacht.
  • Wir hatten beide das Gefühl das die chinesische Interpretation von „Wandern“ stark divergierend zu unserem Verständnis ist. Auch am Vortag war die Laufdistanz beim Abstieg vom Golden Buddha Peak absolut überschaubar. Eine wichtige Erkenntnis schien uns: Chinesen laufen nicht gern.

Wir beide hingegen waren umso motivierter loszulaufen und brachen so schließlich auf. Beschwingt und vom permanenten Prasseln des Regens auf unsere Kunststoffhäute (die Ponchos) begleitet stapften wir los. Anfangs gab es noch Beschilderungen, sehr schnell ließen wir jedoch die letzte, vereinzelte zivilisatorische Bebauung hinter uns. Der Regen hatte mittlerweile die Stärke einer brandneuen Regenwalddusche, die soeben frisch vom Sanitärbetrieb installiert wurde. Zudem hatte es sich eingeregnet - ein Ende der Niederschläge war nicht in Sicht. Mit frohgemuten (bei kritischer Selbstreflexion könnte man auch sagen „naiven“) Elan zogen wir jedoch immer weiter. Nach einer Dreiviertel Stunde und völliger Durchnässtheit hatten wir einen Entschluss: Jetzt würden wir nicht mehr umdrehen, sondern bis Ping‘an weiterlaufen und dort einen Bus nach Dazhai nehmen. Ein Umdrehen hätte auch eine Fussstrecke von mehr als 2,5 Stunden zur Folge gehabt, schließlich hatten wir bis zu unserer Mittagspause ja auch ein bisschen Strecke gemacht. Der Wanderweg, welcher ohnehin schmal und holprig war, stand mittlerweile völlig unter Wasser. Dort wo es bergab ging, war der Weg ein regelrechter Bach, der viel braun-roten Schlamm mit sich trug. Unsere Schuhe waren längst in Gänze durchweicht, die Füße klatschnass. Schlamm und Erdspritzer waren vereinzelt bis auf Hüfthöhe auf unser Kleidung und auch unsere Regenponchos hatten nur noch eher symbolischen Charakter. Dennoch zogen wir weiter. Beschilderungen gab es nun keine mehr und auch die „Qualität“ des Weges war nicht mehr vorhanden, weshalb uns Zweifel aufkamen ob wir überhaupt noch auf dem Wanderweg waren. Andere Menschen hatten wir seit einer Stunde nicht mehr gesehen (andere Menschen waren ja auch klug genug, im Warmen die Füße bei einer Tasse Tee hochzulegen und nicht durch monsunartigen Regen zu wandern). So liefen wir immer weiter. Eine halbe Stunde später waren wir nahezu am ganzen Körper nass bis auf die Haut. Mit dem Handy recherchieren wo wir denn nun waren und wie wir laufen mussten schien in dieser Situation das Naheliegendste. Natürlich hatten wir aber kein Netz und die Touchscreens versagten im strömenden Regen auch den Dienst. Für mich als Kind des 21. Jahrhunderts natürlich eine Situation weit entfernt der Komfortzone. Nicht zu wissen wo man ist und kein Internet zu haben - völlig inakzeptabel für die Generation Smartphone. Selbst Conni, die ja auf einen großen Pfadfinder-Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, war mit der Situation eher unzufrieden. Das wir gänzlich durchnässt waren führte auch dazu, dass einem unwillkürlich kalt wurde. Unter diesen Umständen liefen wir immer weiter, getragen von einer (rational kaum erklärbaren) guten Laune! Unser Committment war sehr ausgeprägt - wir wussten, dass wir mit diesem Unterfangen vielleicht etwas dumm waren, wir wussten aber auch, dass wir nun das Beste daraus machen wollten. Der Weg hatte immer wieder Stufen um die Steigungen und Gefälle zu bewältigen. Hier lief das Wasser bachartig, entsprechend glitschig waren die Steine. Die Konzentration und das Streben unter diesen Umständen wenigstens nicht auszurutschen verlangsamten das Tempo. So liefen wir immer weiter. Zivilisation Fehlanzeige. Irgendwann, nach einer schieren Unendlichkeit, erschienen in Nebel am Horizont die Umrisse eines Hauses. Dieses war völlig baufällig, dunkel und es schien keine Menschenseele weit und breit. Eine Straße gab es nicht. Jedoch flitzten ein paar Hühner umher, und auch der rumliegende Müll ließ Menschen vermuten. Wir erreichten das Haus und schauten umher. Die Häuser waren von erbärmlicher baulicher Qualität aber paradoxerweise sehr groß und mehrgeschossig. Sie schienen völlig verlassen. Beim Umherschauen sahen wir plötzlich in einem Obergeschoss ein Männer-Gesicht hinter einer Scheibe regungslos zu uns herüberstarren. Ein eher unheimlicher Moment. Genau in diesem Moment ging neben uns eine Tür auf und eine alte, einheimische Frau in der trachtenartigen völlig historischen, aus einer anderen Zeit stammenden Kleidung, stand zahnlos lächelnd neben uns. Unsere Verständigungsversuche (auch mithilfe des Übersetzers vom Handy) schlugen völlig fehl, jedoch bot uns die Frau Wasser an - wir müssen wohl einen existenziell geschwächten Eindruck gemacht haben. So schlimm war unser Zustand jedoch nicht und so setzten wir den Weg dort den die Dame uns zeigt. Wir passieren weitere verlassene, baufällige Häuser und landeten auf einer großen, relativ neuen Straße. Hier würde ja wohl ein Auto fahren und uns mitnehmen. Fehlanzeige. Es kam kein Auto. Wir waren wirklich in einem völlig angehängten Tal angelangt. Die Häuser wirkten allesamt verlassen und Autos hatte hier erst Recht keiner. Wie aus dem nichts kam wieder eine alte Frau in selber Tracht wie jene zuvor aus dem Wald gelaufen. Diesmal kamen wir weiter mit unserer Verständigung mit Händen und Füßen. Wie kontrastreich China ist, wurde uns wieder bewusst als die sehr alte Frau plötzlich ein Smartphone aus ihrer Stammestracht herausholte und wild telefonierte. Wir hatten ihr zuvor mit dem Übersetzer verdeutlicht, dass wir uns verlaufen hatten und eine Fahrt nach Dazhai bräuchten und dafür natürlich auch zahlen würden. Plötzlich stand nach dem Telefonat ein Preis fest: für 200 Yuan würde ein Fahrer kommen und uns nach Hause fahren. Durchnässt und durchgefroren wie wir waren sagten wir sofort zu. Während des Wartens kam ein Bauer vorbei der uns bestaunte wie zwei Wesen von einem anderen Stern. Mit unseren Regencapes haben wir wahrscheinlich auch genauso ausgesehen. Plötzlich kam ein Auto um die Ecke und hielt an. Hier hätten wir auch einsteigen können, aber unsere Alte die uns ein Auto organisieren wollte hielt uns lautstark zurück, scheinbar besorgt den Deal des Monats zu verlieren! Kurzentschlossen lotste uns die alte Dame in ein scheinbar verlassenes Haus um uns vor weiteren Blicken (und Abwerbeversuchen was die Fahrt und den Erhalt unseres Geldes angeht) zu verstecken. Zu unserer Überraschung lebte in dem Haus eine Familie. Es war kalt, zugig und ärmlich. Hier wurde einem wieder deutlich bewusst, wie privilegiert wir leben und wie gut es einem doch letztlich geht. Plötzlich hupte es vor dem Haus - unser Fahrer war da. Dieser trug originellerweise eine Art Polizeiuniform und nahm unsere 200 Yuan entgegen. Dann fuhr er los. Über eine halbe Stunde dauerte die Autofahrt - wir hatten ordentlich Strecke gemacht. Erleichtert kamen wir am Hotel an und duschten erstmal sehr heiß und ausgiebig. Mit dem (hinterfragbaren) Triumph-Gefühl etwas geschafft zu haben, gönnten wir uns ein ausführliches Abendessen im Hotel. Es schmeckte wieder fantastisch. Glücklich und mit dem Gefühl ein Abenteuer bewältigt zu haben gingen wir ins Bett.

Der nächste Tag war ein klassischer Rückreisetag. Mittags ging es mit dem Bus mehrerer Stunden nach Guilin (wieder eine halsbrecherische Fahrt) und von dort wieder mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Guangzhou. Hier kamen wir spät abends an und bezogen wieder das Hotel. Die 25 Grad in Guangzhou bei abendlicher Ankunft waren nach den letzten kalten Tagen in Longsheng eine absolute Wohltat. 

Am nächsten Tag (Samstag) hatte Conni ganztägig Uni. Den Abend nutzten wir für eine wunderschöne Bootsfahrt auf dem Perlfluss mit Blick auf die beeindruckende Skyline von Guangzhou. Zuvor gab es wieder leckeres Dim-Sum. Heute ist Sonntag und Conni hat (unchristlicherweise) bis zum Mittag Uni. Die Chance für mich, begleitet von einem Kaffee, diese Zeilen zu schreiben und die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Heute Nachmittag geht es in die Bayun Mountains. Diese Berge sind praktisch die Hausberge von Guangzhou. Gleich hole ich Conni von der Uni ab und freue mich schon auf den erneuten Ausflug ins Grüne - dieser wird diesmal nur bestimmt weniger abenteuerlich als der letztewink